Heraus!Fordernd!

99261E8F-E0AA-4F45-B864-D619FBD981ABAuf dem Sofa sitzend bin ich in der „Komfort-Zone“. Da kenne ich alles, Routine, ich fühle mich wohl, aber ich lerne auch nicht unbedingt etwas Neues. Erst wenn ich aus dieser Komfortzone heraustrete, etwas Neues wagend, zitternd vielleicht, aber doch mutig genug, kann Lernen passieren. Am andern Ende der Skala wartet die „Panik-Zone“, wo ich nicht mehr in der Lage bin klar zu denken, weil es alles übersteigt, was ich an Fähigkeiten, Fertigkeiten, Möglichkeiten habe. Auch da lerne ich nicht mehr. Aber nur einen winzigen Schritt von beiden Zonen entfernt kann ich jede Menge lernen.

Nun ist es ja nicht so, dass mein Leben in den letzten Jahren ohne Herausforderungen gewesen wäre. Dennoch waren die letzten Wochen extrem außerhalb meiner Komfortzone. Um ehrlich zu sein, gab es durchaus Momente, wo ich mit dem Fuß schon über der Grenze zur Panikzone war…

Vor einiger Zeit hatte ich mir vorgenommen, endlich die Berechtigung zu bekommen, Menschen per Fahrzeug und innerhalb meiner Arbeit transportieren zu dürfen. In Deutschland ist das der „Personenbeförderungsschein“, hier heißt es „Meirapróf“, was bedeutet, dass man etwas Zusätzliches zum normalen Führerschein lernt. Das kann ein Taxi-Schein, ein LKW-Führerschein oder ein Bus-Führerschein sein. Alle zusammen sind deshalb in der Meirapróf-Schulung, wenn auch nicht alle in allen Modulen. Vier Wochen lang Unterricht, jeden Abend von 18:30 bis 22:40 Uhr. Anfangs alle gemeinsam im selben Kurs, dann nur die „Großen Fahrzeuge“ (LKW, großer Bus), zum Schluss alle mit Fahrgästen (Bus, Taxi). Am Wochenende noch Erste Hilfe für alle und jedes Modul mit einer Prüfung abgeschlossen.

Wir waren eine muntere Gruppe von etwa 25 Leuten, vier Frauen, sonst Männer, zwischen Anfang zwanzig und 60 Jahren. Ich war hoch motiviert. Aber schon der erste Abend endete für mich mit einem enorm hohen Kopfschmerztabletten-Verbrauch. Die Lehrerin schien einen Wettbewerb im Schnellsprechen absolviert zu haben. Sie las eigentlich nur ab, was auf der Präsentation vorne zu lesen war. Wenn ich den ersten Satz gelesen hatte, war sie fertig mit der ganzen Folie. Ich hatte keine Chance. Begleitend gab es jeden Tag etwa 20 bis 50 Seiten zu lesen – für mich in der Fremdsprache eine echte Herausforderung, denn ich habe ja auch noch voll gearbeitet „nebenher“.

Gleich am ersten Abend ging es auch mit der ersten Übungsklausur los. Ähnlich dem Führerscheintest in Deutschland ging es um Verkehrszeichen, Verkehrsregeln, Vorfahrtsfragen und Fragen zur Ersten Hilfe, zum Führerscheinsystem, zum Punktesystem usw. Ich bin hoffnungslos an den Formulierungen gescheitert. Die Wörterbuch-App, die mein ständiger Begleiter im Alltag ist, kam ruckzuck an ihre Grenzen. Ständig gab es sprachliche Missverständnisse, wegen derer ich durch die Prüfung rutschte. Wenn ein einziger Buchstabe entscheidend ist, kann das schon mal nach hinten losgehen. Ich bin regelrecht verzweifelt. Am Ende des zweiten Abends war ich ganz kurz vor’m Aufgeben und war sicher: Das schaffe ich niemals. Ich war nahezu in der Panikzone.

IMG_3933Aber aufgeben wollte ich dennoch nicht. Ich WOLLTE es schaffen. Zumindest probieren, wie weit ich komme. Freilich, ein sehr teurer Versuch. Aber der sollte es mir wert sein. Und so habe ich tapfer versucht zu folgen. Die Lehrer kamen und gingen, alle bis auf einen einzigen waren nuschelig-schnell und ich verstand an manchen Abenden nur 25 bis 30 Prozent. All die witzigen Details, all die hilfreichen Tricks und Maßnahmen sind mir entgangen. Das ist unglaublich schade. Manches habe ich versucht, mit Videos im Internet zu verstehen. Wie funktioniert das Bremssystem im großen Bus? Was genau passiert eigentlich in der Kupplung?

Zig Übungsprüfungen habe ich im Internet gemacht. Ankreuzfragen mit drei Antwortmöglichkeiten. Eine bis drei konnten richtig sein – als konnte man auch bis zu drei Fehlern in einer Frage haben. Zuerst war ich völlig verzweifelt. Aber dann habe ich mir die Fehler zu meinen Freunden gemacht. Denn aus ihnen konnte ich am meisten lernen! Also, je mehr Fehler, desto mehr Lernerfolg.

Immer wieder kleine Wunder. Am Vorabend der ersten von vier Prüfungen diktierte uns der Dozent noch einige Fragen und ging mit uns die Antworten durch. Ich lernte in der Nachtwache alles auswendig. Und tatsächlich kamen fünf der Fragen dran. Meine Kommilitonen halfen mir auch immer wieder geduldig, wenn ich etwas überhaupt nicht verstehen könnte.

Dann kamen die Prüfungen. Vier schriftliche. Eine schwerer als die andere. Teilweise eine Ausfall-Quote von 50%! Und auch die Isländer klagten über furchtbar komplizierte Fragen und Sätze. Wie ich sie alle bestehen konnte, ist mir noch immer ein Rätsel. Eine Mischung aus Fleiß, vielen Gebeten und Glück war es wohl. Aber ich habe es geschafft. Sehr zu meinem eigenen und dem Erstaunen meiner isländischen Mitstreiter 🙂

IMG_4068Eigentlich wollte ich ja nur den Führerschein für Kleinbusse bis 16 Personen machen. Als ich mit einer Kollegin und zwei Bewohnern in einem behindertengerechten Kleinbus ins Kino fuhr, befragte sie mich ausführlich über die Fortbildung. Der Busfahrer belauschte unser Gespräch offensichtlich und kam anschließend auf mich zu. „Mach bloß den großen Busschein! Mit dem kleinen kannst du gar nichts anfangen! Die meisten Sprinter in Island haben 19 Passagier-Plätze, die darfst du dann gar nicht fahren.“ Und so kam es, dass ich lernte, wie man einen 12m langen Reisebus fährt. Ich hatte einen großartigen Fahrlehrer, den ich zu 100 % verstand. Wir hatten viel Spaß beim Fahren. „Genieß es! Entspann dich! Du machst das großartig und hast ein gutes Gefühl für den Bus.“ – so lernt man mit Freude und Leichtigkeit. Danke Kristófer!

IMG_3935Seit Dienstag bin ich nun also Busfahrerin. Ich darf alle Fahrzeuge zur Personen-beförderung fahren. Ein großartiges (und das teuerste aller Zeiten!) Weihnachts-geschenk! Der neue Führerschein ist beantragt. Es wird ein isländischer, der international gültig ist. Den deutschen muss ich dafür leider hergeben.
Aber ich bin unendlich stolz und froh, dass ich der Herausforderung nicht ausgewichen, drangeblieben bin und es geschafft habe. Und endlich wieder Zeit, in der ich machen kann, was ich will 🙂

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Heraus!Fordernd!

Verblassender Sommer

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Die Erinnerungen an den Sommer verblassen allmählich immer mehr. Schon seit Ende September sind die Berge rund um Reykjavík verschneit. Inzwischen ist es bitterkalt geworden, der Kuldubóli (spirch: Küldübouli = Kältestier) beißt uns ordentlich, Winterjacke und Stiefel mussten längst hervorgeholt werden. Scheibenfreikratzen am Morgen gehört zum Alltag und es ist noch dunkel, wenn ich kurz vor acht Uhr zur Arbeit aufbreche. Zwischenzeitlich hat es schon ordentlich geschneit. Geschlossene Schneedecke, drunter Glatteis. Dann wieder taut alles nach heftigen Stürmen. Nach mehreren Wochen Dauerregengrau gab es hier im Süden endlich auch wieder einmal ein paar Sonnentage. Die Tage werden kürzer. Jeden Tag 6 Minuten weniger Tageslicht. Bisher war der Herbst genauso grau und verregnet wie der Sommer…

Ja, der Sommer. Lange scheint das her zu sein… Ich versuche mich zu erinnern. Es war kein leichter Sommer. Das lag nicht nur am extrem schlechten Wetter. Die Reisebranche hatte fast flächendeckend heftige Einbrüche zu verkraften. Das hat zur Folge, dass die Krone im Moment auf sehr niedrigem Stand ist und im Moment die Inflation ordentlich zuschlägt – an der Kasse jedesmal ein Schock. Viele reden von einem neuen Finanzcrash, der unmittelbar bevorstehen könnte. Keiner kann keiner vorhersehen, wie es weitergeht. Auch nicht, wie es mit den Reisen im nächsten Sommer weitergeht. Erfahrungsgemäß wird sich die Entspannung erst in ein bis zwei Jahren zeigen. Einige Anbieter haben schon das Angebot reduziert. Oder sie setzen bewusst auf kleine Gruppenfahrten statt große Busse einzusetzen. Sicher nicht verkehrt, dass ich nun den „Kleinen Busschein“ (bis 16 Personen) und den Personenbeförderungsschein machen werde…

Auch für mich persönlich war es kein leichter Sommer. Aus ganz verschiedenen Gründen. Aber es gab natürlich auch Schönes. Im August kam tatsächlich die Sonne endlich mal zu ihrem Glanze hier im Süden Islands. Ich habe viel gearbeitet und wenig frei gehabt. So habe ich an einer 30-Tage-Urlaub-Zuhause-Challenge teilgenommen, „Zeit zu leben“ hatte dazu eingeladen. Jeden Tag gab es eine Aufgabe. Von Entspannungsübungen über „Mach ein Picknick mit jemandem“, „Besuche eine Sehenswürdigkeit in der Nähe“, „Mach bei einer Stadtrundfahrt mit“, „Besuche einen Nationalpark“, bis „Schreibe jemandem eine Urlaubskarte“ oder „Koche etwas Landestypisches“ waren viele schöne Anregungen dabei. So bekamen die Tage etwas Goldstaub, weil ich mich herausfordern ließ, jeden Tag etwas aus dem angebotenen Buffet einzuplanen.  Unter anderem habe ich eine tolle Höhle besucht, die „Raufarhólshellir“, ganz in der Nähe von Reykjavík. Die Höhle ist ein Lava-Tunnel, man kann an den Wänden teilweise noch deutlich die Spuren des heißen Lavaflusses erkennen. Die Wände sind teilweise oxidiert, sodass alles in schönstem Rot erscheint.


IMG_3076Und schließlich habe ich mir doch zwei wundervolle Urlaubstage gegönnt, die ich auf Snæfellsnes unterwegs war. Ich hatte Eva im April auf der Autofähre nach Island kennengelernt. Sie ist Geologin, arbeitete bis Ende August im Vulkanmuseum in Stykkishólmur und hatte mich eingeladen, mit ihr über die schöne Halbinsel zu fahren, die man auch „Island in Miniatur“ nennt. Es war ein Traum, sie mit all meinen Fragen rund um die spannende Geologie Islands zu löchern. Geduldig hat sie mir immer wieder erklärt, was ich wissen wollte, mir Details gezeigt, Missverständnisse gerade gerückt. Danke, liebe Eva. Ich habe unglaublich viel gelernt, die Tour genossen, und mich turboerholt in den zwei Tagen. Hier also die Eindrücke meiner Reise:

Am Strand von Ýtri Túnga – die Seehunde bleiben versteckt…

Der Krater Saxhól

Nachts, gegen 23 Uhr, in Stykkishólmur. In der Wasser-Bibliothek ist Wasser aus allen isländischen Gletschern in Glassäulen gespeichert:

Aufstieg auf die Rauðkúla – die „Rote Kugel“

Durch das Lava-Feld Berserkjahraun

Rückfahrt bei bestem Wetter

Darüber hinaus war Hamburg ganz groß in Island. Schon Anfang des Sommers waren liebe Menschen gekommen und wir haben gute Zeit miteinander verbracht. Im August dann noch einmal die Begegnung mit Freunden, die sich mit ihrer zweiwöchigen Islandreise einen lang gehegten Wunsch erfüllten. Am Anfang und Ende haben wir uns jeweils einen Abend treffen können – erstmals nach zweiundzwanzig Jahren! Zwar passiert viel in so einer langen Zeit, aber die Herzlichkeit war trotz des extrem spärlichen Kontakts seither nicht verflogen. Das ist doch ein großartiges Geschenk, das das Leben uns macht: Dass Beziehungen uns so reich machen. Mich jedenfalls. Und ich bin froh, dass ich so viele Herzensmenschen in meinem Leben habe – überall. Auf vieles kann ich verzichten. Nicht aber auf Beziehungen. Und deshalb war mein Kurzbesuch in Berlin auch so schön…

Gut, dass man in Zeiten des schwindenden Lichtes sich all der Farben und des Sommers noch erinnern kann. Und die Bilder helfen dabei. Auch wenn sich schon neue Bilder in den Vordergrund schieben, bei denen die Farbe grün nicht das Moos, sondern den Himmel färbt.

Nordlichter über Reykjavík Anfang November, mit der Friedens-Licht-Säule „Imagine-Peace-Tower“, die jeweils vom 9. Oktober bis 8. Dezember – Geburts- und Todestag von John Lennon – ihr Licht wie ein Turm ins All schickt:

 

Verblassender Sommer

Thema mit Variationen und Spezialitäten.

IMG_2652Immer wieder auf Tagestouren mit den Kreuzfahrern zu gehen ist, sagen wir mal, herausfordernd. Es sind immer wieder die gleichen Wege, und die Fragen gleichen sich in der Regel auch wie ein Ei dem andern. So genieße ich es tatsächlich, zwischendurch mal Leute aus anderen Ländern zu begleiten und auf Englisch zu guiden. Das fordert mein Hirn heraus und bringt oft eine andere Sichtweise auf alles. Manchmal singe ich spontan die Nationalhymne in Þingvellir, an dem Ort, wo sie 1874 das erste Mal erklungen ist. Manchmal erzähle ich die Dinge anders als sonst, lasse manches weg, füge anderes dazu. Nur um ein bisschen zu variieren. Um bloß nicht irgendwann herz-los routiniert bei der Sache zu sein. Wenn das passiert, höre ich auf. Aber es braucht die ganze Aufmerksamkeit, damit es eben nicht so bald passiert.

IMG_2809-2Manchmal bin ich der Verzweiflung nahe. Wenn ich zum Beispiel plötzlich feststelle, dass die Hälfte der Leute in meinem Bus kein Wort von dem versteht, was ich erzähle. Und das liegt nicht etwa daran, dass mein Englisch schlecht wäre! Es sind einfach alle möglichen Nationalitäten versammelt, nur dass ich davon vorher nichts weiß. Meistens stelle ich das erst unterwegs fest. Wie mache ich also begreiflich, dass wir am oberen Parkplatz aussteigen und zum unteren hinunterlaufen, der Bus eine alternative Strecke fährt und uns unten abholen wird? Und dass diejenigen, die nicht gut zu Fuß sind, mit dem Bus fahren können, der in zwanzig Minuten abfahren wird? Irgendwie klappt es meistens, aber es ist schon ohne Verständnisprobleme eine Herausforderung. So wird es zur Zitterpartie: Wie viele von denen, die aussteigen, werden auch wieder einsteigen?

IMG_2808-2Noch „besser“ ist es, wenn Leute im Bus sitzen, die Alzheimer haben, und keiner weiß davon… Neulich erhielt ich einen Anruf: „Hast du vielleicht mehr Leute im Bus, als du haben solltest?“ – „Äh, nein, ich zähle immer durch, bevor wir losfahren…“ Vier (!) Leute aus einem andern Bus waren verschwunden. Ein Albtraum. Es dauerte eine lange Weile bis sie schließlich gefunden waren. Sie saßen zwar in Bus Nummer 2, aber in einem anderen Bus Nummer zwei. Das kommt davon, wenn mehrere große Schiffe im Hafen liegen, die alle Bus 1 bis 15 haben. Zwar sind die Schilder andere, aber wenn man eben Leute hat, die Probleme mit der Erinnerung haben, hat an schnell ein solches Desaster… Besser wäre es, wenn die verschiedenen Gesellschaften, die die Landgangs-Touren organisieren, zusammenarbeiten würden.

IMG_8511-2IMG_8493-2Umso schöner ist es, wenn mal ein etwas anderer Auftrag hereinschneit. Zum Beispiel die Begleitung der Verkaufswettbewerbssieger von Volvo und Renault Truck, die zweifellos ein Highlight war. Unter anderem sind wir neben dem normalen Programm auch noch mit Super-Jeeps auf den Gletscher gefahren, um dort mit Snow-Mobiles zufahren und haben ein Hummeressen genossen. Nebenbei habe ich nicht nur großartiges Feedback bekommen, vielmehr haben sie es auch an die Reiseagebtur weitergegeben. Da es mein erster Auftrag dort war, war das gleichzeitig ein Türöffner für mich. Und so durfte ich nun eine Zwölfstundentour um Snæfellsnes auf englisch gestalten. Immer gut, den Fuß in der Tür zu haben für die Zukunft 🙂

Kerstin
[Besonders schön: Guiden für das Schiff BERLIN plus „zufälliges“ Wiedersehen mit andern sehr netten Gästen.]
Die Tour war herrlich entspannt, 22 Leute aus Venezuela, bestens der englischen Sprache mächtig, prächtig gelaunt, viel Lachen und Gesang. Das glich dann das Unvermögen des Busfahrers wieder aus, der nämlich nur eine sehr grobe Ahnung hatte, wo die Tour-Stopps sein könnten. Leider hat er mich das nicht wissen lassen. Und so fanden wir uns, während ich beschäftigt war damit, den Leuten Geschichten über einen isländischen Serienkiller aus dem 16. Jahrhundert zu erzählen und wir durch dichten Nebel fuhren, auf einmal auf der Nordseite der Halbinsel wieder, anstatt einfach weiter im Süden zu unserem nächsten Zielort zu fahren. Das war leider nicht das einzige Mal und wir haben eine Menge Zeit durch die nötigen Wendemanöwer verloren, insgesamt sicher eine ganze Stunde. Aber dank der fröhlichen Gruppe blieb die Stimmung gut und wir haben den Tag miteinander rundum genossen.

IMG_3243-2Nun ist die Saison so gut wie vorbei. Noch eine Tour wartet Anfang Oktober auf mich. Dann ist mein Kalender nur mit Diensten im Heim gefüllt. Ich muss sehen, wie ich an neue Touren komme, denn das ist es, wofür mein Herz schlägt, was ich unbedingt machen will. Aber eins nach dem andern. Jetzt freue ich mich erst einmal auf ein paar Tage Urlaub in der Heimat!

 

Thema mit Variationen und Spezialitäten.

Haferbrei für Anfänger und kulturelle Missverständnisse

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Wenn man an einer neuen Stelle anfängt zu arbeiten, muss man eine Menge lernen. Zum Beispiel, wie man Haferbrei kocht. Denn den muss man in der Nachtschicht vorbereiten. Frühstückstauglich.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich das je zuvor getan hätte. Doch, ich glaube auf genaueste Anweisungen habe ich das mal für meinen Vater gemacht. Aber ansonsten – nie im Leben. Auch essen wollte ich das nicht – das klang mir viel zu sehr nach Krankenhausessen… Und nun also regelmäßig. In Island durchaus übliches Frühstück, zumindest wenn man nicht auf die moderne, extrem gezuckerte Fertig-Variante aus der Packung umgestiegen ist.

In der Einarbeitungsnacht fragte ich, wie man den denn wohl zubereitet. „Einfach nach Gefühl.“, war die Antwort. Mein Gefühl trog mich. Als ich es beim nächsten Mal so in etwa machte, wie ich es bei meiner Anleiterin gesehen hatte, wurde es nicht nur eine riesige Menge, von der ich mindestens die Hälfte entsorgen musste. Wie mir später gesagt wurde, war es auch extremst zäh geworden. Sozusagen betonhart. Viel zu viele Haferflocken für viel zu wenig Wasser.

So ist das, wenn man sich auf neues, ungeübtes Terrain begibt. Und dabei bin ich eigentlich eine geübte Köchin. Inzwischen habe ich von einer Freundin, die darin Profi ist, ein taugliches Rezept bekommen. Ein bisschen muss ich noch variieren, aber diesmal ist es schon besser gelungen, kein Vergleich zum letzten Mal.

IMG_2645Manches muss man eben erst (kennen) lernen und dann auch üben. Dann gelingt es auch und wird womöglich sogar geschätzt. Mit der Kultur ist es ja nicht anders. Ich lebe nun seit 2015 hier in Island und meinte eigentlich, die isländische Kultur recht gut zu kennen. Ich bin vorsichtig herangegangen, habe mich versucht auf alles einzulassen und meinte, das mir das auch ganz gut gelungen ist.

Aber plötzlich sah ich mich an meiner Arbeitsstelle mit Vorwürfen konfrontiert, die mich ziemlich ratlos zurückließen, um es mal gelinde zu formulieren. Ich war beherzt an die Sache herangegangen, hatte das, was mir an Arbeit vor die Füße kam, munter angepackt. Stellte immer wieder Fragen, um mich zu vergewissern, ob ich richtig liege. Oder weil ich in einer Leerlaufphase auf eine Aufgabe hoffte. Und plötzlich flog mir um die Ohren, ich würde andere kontrollieren und mich „bossy“ benehmen. Von einer Kollegin, die lange in Deutschland gelebt hat. Sonst hätte es wohl keiner gesagt, meinte sie später, als wir nochmal in Ruhe sprachen. Denn direkte Kritik ist eher unüblich, dafür das „Hinter dem Rücken“ umso mehr. Aber nicht nur sie, sondern „alle“ seien dieser Meinung. Ich konnte mir das nicht erklären und auch nicht vorstellen. Ich war mehr als irritiert. Es rumorte nun offensichtlich nicht nur im Team, sondern auch in mir. Denn nichts liegt mir ferner als das Vorgeworfene…

Der einzige Weg für mich war die Flucht nach vorn. Ich wollte herausfinden, wer „alle“ ist. Ich bin immer ein bisschen kritisch, wenn so etwas formuliert wird. Und tatsächlich, die meisten gehörten wohl nicht dazu. Die anderen haben sich eher nicht dazu geäußert, weil ich sie nicht direkt dazu befragt, sondern vielmehr ein Gespräch mit ihnen geführt habe. Ich wollte ja kein Verhör veranstalten, sondern verstehen und verstanden werden. Habe also versucht zu erklären, ohne mich zu rechtfertigen. Zuzuhören. Und so habe ich viel gelernt.

Zum einen: Egal wie lange du schon in einer Kultur lebst, immer wieder kann es Punkte geben, an denen du dein Umfeld komplett falsch verstehst oder wo dein Umfeld dich absolut missversteht. Tatsache. Punkt.

Zum andern: Anscheinend ist es üblich, dass man nicht einfach loslegt mit der Arbeit, sondern erst einmal verhandelt: Was willst du machen? Ist es okay für dich, wenn ich das übernehme? Möchtest du das lieber? Wie wollen wir die Aufgaben heute aufteilen? Ich habe anders zu arbeiten gelernt. Natürlich muss man sich absprechen. Aber dann muss es doch auch losgehen. Das scheint wohl zu quadratisch-praktisch-gut zu sein. Mehr Gespür wird gewünscht, mehr Aufeinander-eingehen.

Darüber hinaus habe ich wirklich gute Gespräche gehabt. Ich bin auch erschrocken über Vorurteile, die auch aus wirklich doofen Erfahrungen erwachsen sind. Deutsche kommen daher und wissen alles besser und sind meistens sehr hart am Urteilen. Hier geht alles viel weniger gestresst zu. Man lässt sich stehen. Man bestärkt den andern darin, so zu sein wie man ist. (Das finde ich grundsätzlich sehr schön und tatsächlich ist das auch so – nur habe ich es eben sowohl von Isländern als auch von Deutschen ganz anders erlebt.) Erfahrungen sind stark. Schnell werden die Vorurteile zu Urteilen. Oder eben einseitig verklärt…

War anstrengend, das alles, aber letztlich gut. Viel gelernt. Über mich und wie manches wirkt mit einer anderen Kultur-Brille. Über andere und ihre Vor-Erfahrungen, die wie ein offenes Messer wirken können. Über isländische und deutsche Kulturunterschiede. Über die Menschen, mit denen ich arbeite. Und natürlich über die gute Zubereitung von Haferbrei.

Hier ein paar Bilder von einem Stadtspaziergang durch Reykjavík. Immer wieder Alt und Neu beieinander.

Haferbrei für Anfänger und kulturelle Missverständnisse

Sommersehnsucht

IMG_2625Während sich in Deutschland eine Hitzewelle nach der anderen zeigt und Felder mit der Ernte verbrennen, haben wir hier den kältesten, verregnetsten und grauesten Sommer aller Zeiten. Oder jedenfalls seit 1914. Das gilt nicht für den Nordosten, aber für den Nord/West/Südteil Islands. Auf der Halbinsel Snæfellsnes gab es einen riesigen Bergrutsch. Bis vor Kurzem waren immer noch nicht alle Teile des Hochlands offen.

Auch die Witze im Internet über das Wetter reißen nicht ab:
„In der biblischen Geschichte regnete es 40 Tage und Nächte, man nannte es eine Katastrophe. In Island nennt man es Sommer.“
„Es hat in diesem Sommer nur zweimal geregnet. Zuerst 47 Tage und dann 33 Tage.“

Die Juli-Stastik ist noch nicht raus, aber der Mai war der kälteste in Reykjavik seit Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Wetteraufzeichnungen begannen. Und im Juni, einem Monat, wo wir keine Nacht haben, schien sie nur ganze 70,6 Stunden lang!!! Durchschnittstemperatur 13 Grad. Es scheint, dass der Sommer dieses Jahr ausfällt.

Es liegt an einer ungewöhnlichen Situation in der höheren Atmosphäre. Das Ganze korrespondiert mit dem Wetter in England. Und weil die einen ungewöhnlich schönen Sommer haben, tja, „Sorry Iceland!“ titelten die britischen Zeitungen. Dazu kommt, dass das Meer im Süden und Westen Islands im Moment sehr kalt ist und es auch ungewöhnlich viel Treibeis von Grönland her gab.

Ich mag eigentlich den isländischen Sommer. Ich bin froh, nicht im heißen Berlin sein zu müssen. Alles über 26 Grad Celsius wird mir zu anstrengend. Ich mag auch den schnellen Wetterwechsel. „Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte zehn Minuten.“ Stimmt ganz oft in Island. Es macht mir nichts aus, wenn es regnet. Natürlich macht es keinen Spaß, wenn man mit einer Gruppe tagelang nur im Regen unterwegs ist. Irgendwann sind auch die geduldigsten Menschen genervt, dass nichts mehr trocknen kann.

Aber – fast jeden Morgen aufzuwachen und beim Öffnen der Gardinen von einem bestechenden Nebel-Weiß oder Grau-in-Grau begrüßt zu werden, wechselweise begleitet von Niesel oder Dauerregen, die Berge am Horizont meistens verschwunden in den tief hängenden Wolken – das schlägt auf Dauer aufs Gemüt und zieht runter. Jetzt ist eigentlich die Zeit, in der wir die Sonne für den Winter tanken, wenn wir nur 4 Stunden Tageslicht haben. Jetzt ist die Zeit, um bis spätnachts draußen zu sein. Ich bin extremst sonnenhungrig. Sonnen-sehn-süchtig.

Immerhin – letzte Woche gab es sie endlich: Die ersten beiden Sommertage!!! Unterbrochen und umrahmt von Regentagen, aber das war egal. Jeder der konnte, nahm sich frei und war draußen. Alle reckten ihre Gesichter der Sonne entgegen. Ich war im Schwimmbad und musste sogar eine Weile warten, dass überhaupt wieder ein Schrank frei wird… Und habe mir dann einen Spaziergang um den Stadtsee Tjörnin gegönnt und bin dann auch noch zur Grjóta hinausgefahren, wo der schöne Leuchtturm steht. Die herrliche Sicht auf den Snæfellsjökull, den Gletscherberg, in den Jules Vernes den Eingang zum Mittelpunkt der Erde verlegt hat, wollte ich in vollen Zügen genießen. Immerhin kam mir zu Pass, dass Grjóta bis zwei Tage vorher als Vogelschutzgebiet geschlossen war. Und so war ich ganz alleine. Besser gehts nicht.

Sommersehnsucht

Version 5.0

IMG_2534„Nun bist du genauso alt wie Sophie.“ Sophie ist eine meiner vielen wundervollen Nichten (von dem einen großartigen Neffen ganz zu schweigen 😉 ). „Bloß eine Null hast du mehr…“

Tatsächlich, ich bin nun also Modell 5.0! Ein halbes Jahrhundert war im Geschichtsunterricht in der Schule ganz schön viel Lernstoff. Und auch wenn ich meine eigene kleine Geschichte ansehe, dann steckt da unglaublich viel drin. So vielen wundervollen Menschen bin ich begegnet, die mich begleitet, geprägt, gelehrt, ermutigt, ausgehalten, das Beste aus mir heraus gekitzelt haben. So viel habe ich gelernt. Durfte vieles ausprobieren. So viele großartige Erfahrungen gemacht. Manches war auch schwer. Es gab auch Momente, da war ich dem Tod näher als dem Leben. Aber ich bin immer wieder aufgestanden, hatte liebevolle Menschen um mich, habe neuen Mut gefasst und bin neu gestärkt auf neuen Wegen weiter gegangen. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ich finde, es war trotz (oder vielleicht geraden wegen) allem ein gutes Leben bisher. Ich sehe überall eine Segensspur, wenn ich zurückschaue. Und deshalb kann ich auch gelassen nach vorne schauen, weil ich nicht allein unterwegs bin.

IMG_2528Ich war tatsächlich ein bisschen wehmütig an meinem Geburtstagsmorgen, vermisste ein paar Lieblingsmenschen in der Ferne. Aber nachdem ich die Tränchen getrocknet hatte, beschloss ich, dass es ein guter Tag werden soll, der genossen werden will. So war ich schon morgens bei meiner Freundin, die leider nicht auf den Ausflug mitkommen konnte, uns aber einen Picknickkorb vorbereitet hatte. Geplündert haben wir – also ein langjähriger Wegbegleiter und Freund aus Hamburg, ich und zwei seiner Freunde – den Picknickkorb an einem schönen Wasserfall-Ensemble, das aus Hunderten von Wasserfällen besteht, den Hraunfossar („Lava-Wasserfälle“). Meine treuen Blogleser haben schon oft Bilder gesehen von diesem schönen Ort. Und irgendwie passte es zu dem Vielerlei, das mich zu dem gemacht hat, die ich heute bin.

IMG_2536Dann waren wir in einer alten Kirche, in der ich die alte isländische Hymne „Himna Smiður“ gesungen habe, die ich so sehr mag, und meine Begleiter waren sehr berührt, so sehr, dass ich sie kaum von der Bank weglocken konnte in der Kirche. Aber das SPA-Bad „Krauma“ neben der größten Heißwasserquelle Europas wartete auf uns. Ganz neu hat es im Herbst eröffnet; ich finde es luxuriös, aber überteuert. Und immer wieder Touristen, die es nicht mal für nötig halten, sich vorher zu duschen… Genossen haben wir es dennoch.

IMG_2537Und schließlich ein großartiges Essen, im Restaurant des Landnahme-Zentrums in Borganes. Das Essen war ziemlich teuer, aber es war auch extrem lecker. Das Lamm zerging quasi auf der Zunge. Der warme Schokokuchen floss ins Eis daneben… Die Jungs haben gar nichts mehr gesagt und nur noch die Augen geschlossen und genossen. Sehr besonders. Auf dem Heimweg nach dem vernieselten Tag kam dann ein zauberhaftes Licht hervor, das uns mit großartigen Wolkenformationen ebenfalls verzückte.

Schließlich daheim, nach einem letzten Wein in der Unterkunft der Bezwinger des Laugarvegurs und einem herzlichen Abschied, warteten dann viele liebe Nachrichten auf mich. Und schon wieder hatte ich Tränen in den Augen… Ich glaube, ich werde nun langsam alt und rührselig… Nichts desto trotz: Es war ein großartiger Tag, mit dem ich das letzte halbe Jahrhundert würdig zelebriert habe.

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Version 5.0

Rundreise in Bildern.

Der Juni neigt sich dem Ende zu. Wie erwartet ein arbeitsreicher Monat. Anfang Juni habe ich begonnen, in dem kleinen Heim zu arbeiten, in dem fünf Menschen mit Behinderung leben. Bis auf die Nachtschicht, die nächste Woche kommt, habe ich die Einarbeitung hinter mir und bin nun schon „normale“ Mitarbeiterin. Es war intensiv. Ich hatte eine Woche lang Kopfweh. So viel Isländisch. So viele neue Vokabeln. So viel lernen über die Bewohner und ihre Bedürfnisse und alles, was mit ihnen zu tun hat. An den freien Tagen im Heim habe ich als Tourguide gearbeitet.

Ich war insgesamt 16 Tage unterwegs. Sechsmal bin ich den „Golden-Circle“ gefahren. Zweimal Blaue Lagune. Zweimal morgens 4 Uhr aufstehen, um auf der Halbinsel Snæfellsnes ab 8 Uhr zu guiden. Sieben Tage war ich am Stück unterwegs mit einer großartigen Gruppe, lauter Leute aus Thüringen. Es ist einfach etwas ganz anderes, mit den Leuten in Kontakt zu kommen, anstatt nur ein paar Stunden oder einen Tag miteinander zu verbringen. Es war eine großartige Woche. Ich werde euch mitnehmen und euch die Reise in Bildern beschreiben. Eine Woche, rund um Island. Los gehts!

Tag eins: Abholung vom Flughafen. Blaue Lagune. Ohne Bild.

Tag 2: Gullfoss, Geysir, Kathedrale von Skálholt. Es ist Nationalfeiertag und ich singe dort die Nationalhymne, zusammen mit einem alten isändischen Hymnus.

Tag 3: Langer Tag, lange Strecke. Seljalandsfoss, Skógafoss, Reynisfjara, Skaftafell

Und schließlich die Gletscherlagune, die voller Eis war. So viel habe ich noch nie gesehen auf der Lagune. Erst zwei Stunden vorher war ein Riesenstück abgebrochen vom Gletscher. Das Eis zerbrach teilweise in sehr kleine Stücke durch das Salzwasser vom Meer, das es zersetzte. Der Nordwind trieb alles ans Ufer und es war kaum möglich, mit dem Fahrzeug auf’s Wasser zu kommen. Noch schwerer war es, wieder herauszukommen. Es war ein Abenteuer!

 

Tag 4: Durch die Ostfjorde, Steinmuseum, Übernachtung im größten Wald Islands

Tag 5: Rjúkandi-Wasserfall, Mödrudals-Öræfi mit Hochlandfeeling, Dettifoss, Vulkankrater Víti, Hochtemperaturgebiet Hverarönd, Dimmuborgir, Myvatn, Goðafoss

Tag 6: Akureyri, Museumshof Glaumbær, Kolugljúfur-Wasserfall, Vulkankrater Grábrók

Tag 7: Borgarfjördur-Ebene, Deidarunguhver (größte Heißwasserquelle Europas!) Reykholt, Hraunfossar, Þingvellir

Es war meine einzige Rundreise. Großartige Zeit. Ich hoffe, nächstes Jahr läuft es wieder öfter „rund“ 🙂

Rundreise in Bildern.