Sommergeschenke

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Es ist fast elf Uhr abends. Ich setze mich in mein Auto. Irgendwie scheint es nicht mehr zu passen. Der Sitz fühlt sich verstellt an, die Gänge an ungewohnter Stelle, und überhaupt, diese lächerlich kleinen Spiegel… Dabei ist es erst eine gute Woche her, dass ich mein Auto abgestellt und gegen den Sprinter-Bus eingetauscht habe. Umgekehrt war es ganz anders. Auf dem Weg zum Flughafen, um die zwölf Gäste abzuholen, die sich eine Rundreise um Island gönnen wollten, sass ich im Bus und hatte das Gefühl, dass alles genauso ist, wie es sein sollte. Einen ganzen Sommer lang. Diesmal aber würde es wohl bei dieser einen Fahrt bleiben. Immerhin, sie fand statt. Ende Juni / Anfang August. Und immerhin habe ich eine flexible Kita-Leiterin, die mir frei gibt für sowas. Immerhin diese eine Reise. Ein Geschenk in Zeiten wie diesen.

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Und es gibt auch noch mehr als dieses eine Geschenk: Eine Gruppe wie aus dem Bilderbuch. Lauter nette Menschen, freundlich, positiv, dankbar, offen, neugierig. Gleich am ersten Tag bombardieren sie mich mit Fragen und ich muss sie ständig enttäuschen mit meinem „Das erzähle ich euch noch in den nächsten Tagen“ und „Am letzten Tag dürft ihr mich alles fragen, was noch offen ist und ich beantworte es prompt!“ Es sind erstaunlicherweise kaum noch Fragen übrig. Aber es ist herrlich, wie interessiert die Leute sind.

Das Wetter ist auch so ein grosses Geschenk. Am Anfang Sonne satt. Und als dann im letzten Drittel der Reise tagelanger fürchterlicher Regen mit Wetterwarnungen angesagt ist, haben sich längst alle mit Regenhosen eingedeckt und letztlich wird es dann viel glimpflicher als befürchtet. Obwohl es auch spannend ist, viele, viele neue Wasserfälle zu sehen, die nur durch die flutartigen Regenfälle entstanden sind, ist es auch recht gefährlich, denn in den Ostfjorden ist mit Geröll-Lawinen und Steinschlag zu rechnen. An einigen Stellen sah man schon die ersten Spuren von heruntergerolltem Gestein und ich bin extrem wachsam und teilweise sehr angespannt an den entsprechenden Stellen vorbeigefahren: Drei Tage später gab es dort einen regelrechten Bergrutsch und man konnte nur stundenlang auf Hilfe warten, bis die Strasse wieder freigebaggert war… Gott sei Dank! Wir sind gut durchgekommen. Natürlich ist es ziemlich ermüdend, stundenlang beim Fahren in Nieselregen zu starren, zumal das die Strecken waren, auf denen nicht besonders viel Ersatzprogramm möglich und normalerweise die Landschaft schon Programm genug ist. Aber ein paar kleine Zusatzbonbons konnte ich noch aus dem Hut zaubern, ohne dass uns das mehr Geld gekostet hätte, und alle waren sehr zufrieden.

Zurück von der Fahrt bekam ich drei bezahlte freie Tage geschenkt. Denn meine Kindergarten-Leiterin wollte kein Risiko eingehen. Wegen der neuen COVID-Welle galten allerdings schärfere Regelungen im Land: Erstmals auch Maskenpflicht, wenn die wieder eingeführte Zwei-Meter-Abstandsregelung nicht einhaltbar ist (inzwischen nur noch 1 m); nur noch 100 Menschen dürfen sich treffen (inzwischen wieder 200). Ausserdem wurde ein doppelter COVID-Test bei Einreise ins Land eingefūhrt: einer sofort, der zweite nach 4-5 Tagen – bis dahin muss man isoliert bleiben (was quasi das Ende für den Tourismus in diesem Sommer war). So waren also alle Test-Kapazitäten ausgeschöpft, man konzentrierte sich auf den Flughafen sowie die Erkrankten und ihr Umfeld. Für mich war es schlicht nicht möglich, einen Test einfach so zu bekommen. Also bekam ich drei Tage vom Kindergarten frei. Damit waren seit der Einreise meiner Gruppe ganze zwei Wochen vergangen und die mögliche Gefahr gebannt. Ich habe diese Tage genutzt, um ein paar wirklich schöne Dinge zu erleben: Eine Fahrt durch den schönen Borgarfjörder, die Lava-Höhle Viðgelmir, ein Museumsbesuch, eine Fahrt in den Vulkankrater Þrírhnúkagígur. Die folgenden Bilder stammen von diesem Krater und sind unbearbeitet.

Ein wirklich grossartiges Geschenk am Ende dieses Sommers war das unerwartete Angebot einer kleinen Wohnung, in die ich vor vier Wochen umgezogen bin: Ein neues Zuhause, nur für mich allein. Es ist eine ausgebaute Garage, klein aber fein. Mit Küche und Bad. Und noch dazu günstiger als vorher; die bisherige Wohngelegenheit war einfach viel zu teuer auf Dauer für meinen sehr kleinen Lohn, den ich als quasi Ungelernte (da die Ausbildungen alle nicht anerkannt sind) bekomme. Das lohnt sich trotz der 20 Minuten Fahrt zur Arbeit, und es ist herrlich, nach fünf Jahren endlich mal wieder eine eigene Wohnung zu haben!

Im Kindergarten habe ich inzwischen mit der Betreuung und Förderung eines dreieinhalbjährigen Jungen begonnen. Es war anfangs ein grosser Kampf, mich zu akzeptieren, und inzwischen bin ich sehr froh, dass er morgens oft freudestrahlend angerannt kommt und mich „Kiki!“ rufend (wie ich im Kindergarten genant werde) umarmt. Es ist eine herausfordernde Arbeit, aber wir können gut miteinander arbeiten und er vertraut mir inzwischen. Die Entwicklungspsychologin und die Leiterin achten beide sehr darauf, dass ich nicht ausbrenne und ich fühle mich gut betreut. Das ist ein Riesengeschenk.

Als ob mein Leben noch nicht spannend genug wäre, habe ich mir nun auch noch eine weitere Herausforderung gesucht: Seit 23.08. gehe ich wieder in die Schule, montag- bis mittwochabends direkt nach der Arbeit, sodass ich von 7:30 bis 21:30 ausser Haus bin. An den restlichen Tagen gibt es unglaublich viel Stoff zu lesen, nachzuarbeiten, zu übersetzen… Geologie, Naturkunde, Wirtschaftszweige, Geschichte, Literatur, Kunst und vieles mehr. Das Verstehen und das enge Zeitkorsett sind im Moment noch eine Riesenherausforderung für mich und ich weiss noch nicht, wie ich das schultern soll. Das erste Semester endet kurz vor Weihnachten; die erste Prüfung ist schon in in drei Wochen. Wenn alles gut geht, endet das Studium im Mai und dann darf ich mich hoch offiziell „Isländischer Guide“ nennen. Wie es dann weitergeht mit dem Tourismus, ist natürlich eine ganz andere Frage. Aber ich werde jedenfalls gut aufgestellt sein. Und der Rest findet sich.

Sommergeschenke

Voll die Krönung

IMG_0300Es ist Freitagmittag. Was für ein Fest. Endlich darf ich mich auf den Weg zur Fähre machen, um nach Hause, nach Island, zu reisen, ausgestattet mit einem Brief vom isländischen Aussenministerium und dem neuen Ticket für die Fähre am 25. April. Alles ist gepackt und erledigt. Ich warte noch auf einen Brief, der schon wochenlang unterwegs ist. Die Post kommt ungewöhnlich spät – oder sie war ohne den Brief schon da, denn der Briefkasten war leer. Eben habe ich meine Schlüssel bei meiner Nachbarin abgegeben, da spähe ich noch ein letztes Mal durch den Briefkastenschlitz. Tatsächlich, nun ist doch ein Brief gekommen. Ich hole die Schlüssel zurück. Es ist der lange erwartete, verspätete Osterbrief, für den ich die Hoffnung schon aufgegeben hatte. Neben einer sehr schönen Bastelei eines Osterkükens (in der Eile und mit Blick auf die Rückseite dachte ich erst, es sei ein gebasteltes Coronamonster!) hat meine jüngste Nichte eine Vorlage dazugepackt: Eine Krone, die ich mir selber basteln kann, wenn ich Lust dazu habe. Ich muss lächeln. Eine Krone in Corona-Zeiten. Das ist passend. In Island angekommen, bastele ich mir die Krone in meiner zweiwöchigen Quarantäne. Setze sie mir mit Stolz für das Foto auf, denn es ist wie eine trotzige: „Du kannst mich mal!“-Krönung gegenüber dem alles bestimmenden Virus, der unser Leben so sehr bestimmt, seit nunmehr über einem Vierteljahr.

Unfassbar, wie sich das Leben so grundlegend ändern konnte, quasi über Nacht. „Pläne sind dazu da, geändert zu werden.“ hat mal ein schlauer Mensch gesagt. Schon klar. Aber so radikal, ohne Boden unter den Füssen?! Was für eine Ausnahmesituation. Ich hatte den Eindruck dass an vielen Stellen Corona ein Auslöser dafür war, das Leben auf den Prüfstand zu stellen: Was zählt wirklich? Was trägt? Wer bin ich eigentlich? Für mich war es ziemlich schockierend zu sehen, wie schlecht ich manchmal damit umgehen konnte, wenn zu der Grundunsicherheit noch weitere Unsicherheiten hinzukamen. Denn ich dachte, ich sei trainiert darin, mit Unsicherheiten zu leben… Ich bin manchmal in regelrechte Panikzustände gekommen und hatte dabei das Gefühl, die Fähigkeit verloren zu haben, mich selbst zu beruhigen.

Um ehrlich zu sein, waren es aber teilweise auch ganz schöne Brocken, die mich da aus dem Gleichgewicht brachten. Ärger und Druck von der Wohnungsgesellschaft wegen einer angeblich ordnungswidrig geführten Garage, gleichzeitig die Kündigung eines meiner Untermieter und die Suche unter Zeitdruck wegen der (möglicherweise) herannahenden Abreise nach einer neuen Mitbewohnerin zum Beispiel. Und immer wieder das erneute Verschieben der Fähre… Hätte mir jemand gesagt, dass ich 2020 gar nicht mehr Island darf, hätte ich mich wahrscheinlich schnell beruhigt und innerhalb dieses Rahmens nach Lösungen gesucht. Aber das war einfach unerträglich.

IMG_9942Zugleich fehlten mir wirkliche Begegnungen zunehmend. Wo anderen die Decke auf den Kopf fiel, weil es mit der Familie zu eng wurde, war es bei mir das Gegenteil. Meine Untermieter waren bei ihren Partnerinnen untergeschlüpft in der Kontaktsperre-Zeit, ich war also allein in der Wohnung, was auch ganz schön war. Ich habe natürlich jeden Tag mit lieben Menschen telefoniert und das hat unendlich gut getan. Später habe ich mich auch mit einzelnen Freundinnen verabredet zu einem Spaziergang – mit Abstand. Aber so ganz ohne Körperkontakt, ohne Umarmung…! Dazu das Gefühl, mich von niemandem wirklich verabschieden zu können, wenn die Fähre denn gehen würde… Die Begegnungen am Telefon waren schön, aber eine Umarmung, das einander auch körperlich Nahesein, das ist erst wirklich nährend. Wie wenn man nicht das richtige isst und dann Nährstoffe fehlen und man das Gefühl hat, gar nicht satt geworden zu sein. Jedenfalls fühlte ich mich wie ausgehungert. Ich glaube tatsächlich, dass man wirklich krank werden kann, wenn man so ganz ohne Körperkontakt ist. Und dass Streicheln, Händchenhalten, Umarmen und was man sich noch alles vorstellen mag wirklich auch die Abwehrkräfte steigern kann. Mit Sicherheit gibt es dazu wissenschaftliche Untersuchungen. Auch wenn ich von der Richtigkeit der Massnahmen überzeugt war und bin und glaube, dass wir nur so verhindern konnten, dass wir eine ähnlich schlimme Situation wie in Italien und anderswo erleben mussten, ist es eine wichtige Frage, was diese Coronakrise wohl auf lange Sicht mit uns machen wird…

IMG_0599Allmählich kam ich mir nach intensiven Gesprächen selbst mehr auf die Spur. Das eigentliche Problem war, dass ich mir tatsächlich selbst nicht mehr so recht traute. In den letzten Jahren war es das „dem Herzen folgen“, was mich antrieb und meinen Weg finden liess. Die Logik und viele Freunde rieten mir immer wieder: Bleib in Deutschland, hier hast du dein ALG 1 sicher. Sag die Wohnung ab in Island, um Kosten zu sparen – hier hast du dein Zimmerchen. Es wird doch sowieso nichts mit Reisen in diesem Jahr… Ich hatte selbst eine Liste mit Argumenten, warum es sicherer sei, in Deutschland zu bleiben. Und doch sagte das Herz trotzig: Ich will aber nach Island! Ohne dabei stichhaltige Argumente auf den Tisch zu legen. Ich war ziemlich durch den Wind, wie man so schön sagt. Weil ich das Gefühl hatte, meinem eigenen Herzen, der inneren Stimme, nicht mehr trauen zu können. Bis meine liebe Freundin Dobrinka mich an etwas erinnerte, das ich eigentlich längst wusste: „Das Herz weiss mehr als das Hirn. Es sieht Dinge, die für die Augen nicht sichtbar sind. Du darfst ihm trauen.“ Das war wie eine Befreiung für mich.

Und nun war ich also tatsächlich auf dem Weg nach Island. Keine Stopps an den innerdeutschen Grenzen; die Dänen fragten nur, wohin ich wolle und wollten keinerlei Papiere sehen: Welcome! An der Fähre wurde Fieber gemessen, dann durften die 48 Passagiere bis Färöer (24 bis Island) an Bord. Alle bekamen wir eine Aussenkabine mit Fenster! Was für ein Luxus. Die meiste Zeit blieb ich in der Kabine, hatte alles dabei. Es war eine der ruhigsten Überfahrten, die ich je erlebt habe. Auf den Färöern durften wir nicht von Bord; meine Freundin kam zum Winken in letzter Sekunde vor dem viel früheren Ablegen an den Kai. Und wir mussten erneut zum Fiebermessen antreten. Die Geräte wurden an langen Stangen aus der verglasten Empfangstheke heraus benutzt…

In Island ging die Ausfahrt diesmal ganz schnell. Der eine Zollbeamte erkannte mich sogar wieder – es war meine neunte Fahrt mit der Norröna. „Du musst auf direktem Wege nach Hause. Du darfst nirgendwo einkehren, auch nicht aufs WC gehen. Nur Tanken an den Selbstzahler-Säulen ist erlaubt“. Puh! Immerhin waren die Strassen auf der ersten Hälfte der Strecke absolut leer. Eine unfassbare Stille in der Landschaft, kein Mensch weit und breit an dem schönen Wasserfall Goðafoss.

In meinem neuen Zuhause wurde ich am späten Abend herzlich willkommnet. Inzwischen fühle ich mich sehr wohl hier. Ich bin nicht mehr Untermieterin, sondern Mitbewohnerin, habe zwei kleine Zimmerchen, Küche und Wohnzimmer, Bad und Kammer haben wir gemeinsam. Der reinste Luxus! Die Quarantäne war recht einfach zu gestalten. Man durfte nicht einkaufen, nicht in öffentliche Gebäude, niemanden besuchen und nicht besucht werden. Aber mit dem 2-Meter-Abstand waren Spaziergänge, Wanderungen, Ausflüge im eigenen Auto erlaubt. Herrliche Freiheit im Vergleich zu vorher. Trotzdem habe ich es gefeiert, als ich endlich wieder alles durfte…


Ausflug während der Quarantäne zum Hochtemperaturgebiet Seltun/Krísuvík:


Inzwischen ist die Situation in Island an vielen Stellen sehr entspannt. Wir haben nur sehr wenige aktive Infektionsfälle. Die Abstandsregelung ist nur noch freiwillig, fast alles ist wieder geöffnet. Wie sehr ich es geniesse, liebe Menschen zu treffen und zu umarmen!!! Einiges ist noch immer eingeschränkt. Zum Beispiel gibt es kein Abendmahl in den Kirchen. Ab 15. Juni dürfen wieder 500 statt nur 200 Menschen zusammenkommen. Es wird dennoch keine Feierlichkeiten am 17. Juni geben, dem Nationalfeiertag; da ist die Stadt normalerweise verstopft mit Menschen…

Ab 15. Juni darf man auch wählen, ob man bei der Einreise in Quarantäne gehen oder einen selbst zu bezahlenden Test am Flughafen machen möchte. Wer genaueres wissen möchte, kann das gern hier auf deutsch nachlesen: https://www.covid.is/de/reisen-nach-island


Ausflug während der Quarantäne zum Skógarfoss im Süden:


Mit dem 15. Juni sind sowohl viele Hoffnungen als auch viele Ängste verbunden. Immer noch ist die Arbeitslosigkeit exorbitant hoch, denn die gesamte Reisebranche ist am Boden. Nun hofft man, dass die Touristen wieder ins Land kommen. Aber die Unsicherheiten sind einfach bisher so gross gewesen, dass dennoch viele abgesagt haben. Ob die Reisebranche wirklich schon bald in Gang kommen wird, ist mehr als fraglich. Ich habe mir deshalb eine Alternative gesucht und arbeite nun seit dem 1. Juni in einem Kindergarten. Mein eigener Kalender, der eigentlich randvoll mit Touren um Island war, ist bis auf eine einzige Reise Ende Juli geleert. Falls diese Reise zustandekommen wird, bekomme ich im Kindergarten eine Freistellung. Das wäre wirklich ein Fest, wenn ich diese Tour übernehmen könnte. Mal sehen.


Ausflug nach Akranes und ins Skorradalur:


Aber zugleich haben auch eine Menge Menschen Sorge und glauben, dass die Öffnung viel zu früh ist. Was, wenn die Reisenden den Virus wieder einschleppen und eine zweite Welle auslösen? Sollte nicht unsere Gesundheit wichtiger sein? Letzte Woche sind u.a. mehrere rumänische Männer via London nach Island eingereist, die statt in Quarantäne auf Einbruchstour gegangen sind. Gestern wurden drei erwischt, heute auch die übrigen. Zwei wurden bereits positiv auf Covid 19 getestet. Was zur Folge hatte, dass nun sechzehn (!) Polizisten in Quarantäne mussten! Natürlich müssen auch die Leute aus dem Flugzeug in Qarantäne, die in der Nähe besagter Männer sassen…


Ausflug in die Búrfellsgjá, die Schlucht, durch die der Vulkan Búfell vor ca. 8000 Jahren den Lavafluss schickte:


Alles nicht so einfach. Ein lieber Freund aus Portugal schrieb gestern: „Es ist immer noch besorgniserregend und zugleich ermüdend. Aber wir sollten irgendwann unter diesen Bedingungen zu leben lernen und unser Leben besser gestalten.“ Ich hoffe, dass uns das gelingen kann. Lebendig zu bleiben unter Corona-Bedingungen. Das wäre voll die Krönung, das zu schaffen.


Ausflug ins Græanadalur, ins Grüne Tal:

 

Voll die Krönung

Zwischen den Welten

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[Kurz vor Grenzschliessung noch ein traumhaftes Wochenende in Lissabon]
Das Frühjahr und der Herbst sind für mich in den letzten Jahren immer wieder die Zeiten gewesen, in denen ich zwischen meinen beiden Welten hin und her gewechselt bin. Immer wieder kostete mich das viel Energie, das eine Zuhause zu verlassen und im andern Zuhause anzukommen. Im letzten Jahr hat sich immer stärker der Wunsch entwickelt, irgendwo anzukommen, weil es mir wie Energieverschwendung vorkommt, jeweils mit Haut und Haaren in beiden Welten anzukommen, um dort zu leben. Zaghafte Ideen sind gewachsen. Noch nicht entscheidungsreif. Dass sich etwas ändern muss, schien mir klar. Mit zarter Vorfreude wartete ich auf das Kommende. Immer der Sehnsucht hinterher,  dem Herzen folgend.

Nun ist alles anders. Nicht nur bei mir. Nichts ist mehr wie es war, für uns alle. Jedes Kind hat schon mal vom Corona-Virus gehört, das die Welt seit Wochen auf den Kopf stellt. Keiner weiss auch nur ansatzweise, wie es weitergeht und wo wir stehen werden, wenn diese Krise überstanden ist. Ich bin nicht die Einzige, für die es existenziell ist und noch mehr werden wird. Wahrscheinlich bin ich sogar privilegiert, weil ich genügend Gelegenheiten hatte zu lernen, mit wenig auszukommen, am Limit zu leben, immer wieder geübt habe, mit Panikgefühlen umzugehen, Ängste und Fragen auszuhalten, auch wenn keine Antwort in Sicht ist. Weil ich auch gelernt habe, das Alleinsein auszuhalten, fernab von meinen Lieben, und mich auf Online-Kontakte zu konzentrieren. Eine Art von „flatten the curve“ – auch für das Ausmaß an Panik nannte es meine Schwester. Recht hat sie. Aber selbst für mich ist es dieser Tage nicht einfach.

IMG_9443Und so bin ich also diesmal ganz anders zwischen den Welten, fühle mich wie in einem Transit-Raum. In Deutschland habe ich meinen Winter-Job bei der Zeitarbeitsfirma schon Ende Februar beendet, weil ich Zeit zum Packen, Sortieren, Verabschieden brauchte. Ein Zurück gibt es wegen der geschlossenen Kindergärten nicht mehr. Gestern wäre meine Fähre in Island angekommen und heute wäre ich in mein neues Zuhause in Reykjavík eingezogen… In Island werden mehr und mehr Jobs abgesagt, in der Reisebranche mehr als verständlich. Aber auch sonst sieht es wirtschaftlich immer schwieriger aus. Beide Länder fahren ihre Sicherheitsmassnahmen regelmässig höher. Grenzen wurden dicht gemacht. In Island wartet auf alle Kommenden sowieso eine vierzehntägige Quarantäne. Die Fähre ist inzwischen zum zweiten Mal umgebucht. Es war seltsam zu lesen: „Sie werden am 18.04. abfahren und am 21.04. ankommen.“ Eine Prophetie? Schön wär´s. Mit jeder Umbuchung wird es leider auch teurer.

Inzwischen bekomme ich vom Auswärtigen Amt Deutschlands die dringende Warnung, nach Hause nach Deutschland zu kommen, da die Flugzeuge bald nicht mehr flögen. Und vom isländischen Außenministerium bekomme ich die gleichen Warnungen: Komm so schnell wie möglich heim nach Island, solange es noch geht… Zwischen den Welten sein ist nicht gerade beruhigend. In welcher der beiden Welten sollte ich sein? Wo lebt es sich leichter in einer Krise wie dieser? Wo wäre es einfacher, trotz allem einen Job zu bekommen? Wenn ich demnächst entscheiden muss, was wird die richtige Entscheidung sein? Ich habe die leise Ahnung, dass es gar kein Richtig und Falsch geben wird und ich mich bei jeder der beiden Entscheidungen irgendwann auch in Tränen aufgelöst wiederfinden werde… Ich bleibe trotzig, wankelmütig-zuversichtlich.

Was hilft mir in alledem?

IMG_9416Atmen. Ein und aus, im Hier und Jetzt. Ich frage mich dabei, ob meine Angst mir in irgendeiner Art weiterhilft. Meistens nicht. Meistens gibt es gar nichts, das ich tun kann, weil mir die Hände im Moment gebunden sind. Vielleicht ist die Angst auch eine freundliche Einladung, nach Alternativen zu suchen. Aber weil sich die Parameter ja oft buchstäblich über  Nacht ändern, bleiben die Spielräume oft nur auf den heutigen Tag beschränkt. Aber immerhin, es gibt sie, die Spielräume zum Gestalten. Wenn ich handlungsfähig bleibe, auch auf kleinstem Raum, bin ich kein Opfer der Umstände.

Für vieles was in weiterer Ferne liegt, oder auch für alles mögliche mache ich Listen:

  • Wie kann ich eine Fahrt von Berlin nach Hirtshals und von Seyðisfjörður nach Reykjavík gestalten, ohne irgendwo zu übernachten oder Essen kaufen zu dürfen?
  • Was kann ich alles in der Quarantäne in Island tun? Von Puzzeln über Sudoku und Basteleien braucht es da ja auch Material, wenn ich nicht nur mit Laptop und Handy unterwegs sein will…
  • Was kann ich nur aus dem, was ich noch zu Hause habe, alles kochen? Unfassbar, dass ich aus dem Stand ohne Neu-Einkäufe auf eine lange Liste komme! Da kann ich viel Geld sparen 🙂

IMG_9444Dankbarkeit ist auch wichtig. Mir bewusst machen, was ich alles habe, wie reich ich bin, auch wenn ich mich so eingeschränkt fühle. Jeden Tag aufschreiben, was ich erledigt habe, was ich schönes erlebt habe, wo ich meine Ängste besiegt habe, welche schönen Kontakte ich über Telefon, Handy und Internet hatte. Mir auch bewusst machen, was ich schon alles bewältigt habe in meinem Leben. Schon so oft dachte ich, es geht nicht mehr weiter. Und es gab immer neue Fenster und Türen, die sich aufgetan haben. Und nicht zuletzt mache ich mir auch das bewusst, was für Chancen und positive Aspekte, bei all dem was mir auch fehlt, in dem ganzen liegen. Spannend, das herauszufinden!

Zwischen den Welten. In der einen nicht mehr ganz, in der andern noch nicht. Ich bin gespannt, welche Türen sich öffnen werden, in welche Richtungen und wann. Bis dahin bleiben wir daheim und hoffentlich gesund! ❤

Zwischen den Welten

Winterstürme

IMG_8539Die Zeit vergeht. Ich bin schreibfaul geworden… Schon mehrere Entwürfe hatte ich geschrieben, alle verschleppt und verworfen. Jetzt soll es also doch was werden. Ich habe Zeit dafür, die Muße wird sich hoffentlich beim Schreiben noch steigern. Ich bin schon eine Weile in Deutschland, überwintere hier sozusagen. Wobei das mit dem Winter ja so eine Sache ist… Es ist, obwohl Mitte Januar, Frühling in Berlin, zwölf bis fünfzehn Grad bei schönstem Sonnenschein.

Zur gleichen Zeit in Island reicht jedoch ein Sturm dem nächsten die Hand, seit Wochen kehrt keine Ruhe ein und die nächsten Stürme sind schon in Sicht. Immer wieder sind im ganzen Land Straßen gesperrt, mancherorts muss man teilweise tagelang warten, um ans Ziel zu kommen. Umfassende Stromausfälle werden gemeldet, weil von Sturm und Schnee die Leitungen zerstört wurden. Windgeschwindigkeiten von knapp 200 km/h toben über das Land, Reisebusse werden von der Straße gefegt, in Reykjavik wurde sogar ein Stadtbus in den Stadtteich gedrückt – zum Glück zum Dienstende, als nur noch der Fahrer sich retten musste. Es gibt viele grenzwertige Situationen. Nicht nur leichtsinnige Touristen. Auch ein Reiseunternehmen ist in den Schlagzeilen, weil sie trotz des angekündigten aufziehenden schweren Sturms mit hoher Warnstufe (bei dem selbst in Reykjavik davor gewarnt wurde, Kinder allein auf die Straße zu lassen) mit etwa vierzig Leuten inklusive Kindern zu einer mehrstündigen Snow-Mobile-Tour über den Gletscher aufbrachen, die im Wetterchaos endete und es letztlich 200 Leute von den Rettungsmannschaften brauchte, um die Gruppe aus den katastrophalen Bedingungen zu retten… Ein Paar aus China fand man tot in der Nähe des berühmten Flugzeugwracks in Südisland. Warum sie die einstündige Wanderung im allerschlimmsten Schneesturm dorthin gewagt haben, ist nicht nachvollziehbar. In den Westfjorden gab es nächtliche Lawinenabgänge, die alle Boote im Hafen versenkt haben; ein vierzehnjähriges Mädchen konnte aus ihrem mit Schnee angefüllten Kinderzimmer glücklicherweise nach einer halben Stunde schon gerettet werden… Man kann all die Dinge im Internet verfolgen. Ich habe einige Links eingebaut, die zu deutschsprachigen Artikeln führen (wie immer einfach auf die markierten Begriffe klicken, um zu den Artikeln zu gelangen).

Das Wetter scheint komplett verrückt geworden zu sein. Schon im Dezember gab es einen extremen Sturm – insgesamt einhundert Pferde sind dabei gestorben, verhungert oder erstickt unter meterdickem Schnee. Es scheint sich gar nicht mehr zu beruhigen. Es ist zweifelsohne ein sehr extremer Winter. Auch das eine Folge des aus den Fugen geratenen Klimas, denke ich. Dennoch, mit Stürmen muss man immer rechnen im isländischen Winter. Das darf man bei der Planung eines Winterurlaubs mit all den schönen Traumbildern von Nordlichtern, gefrorenen Wasserfällen, zauberhaftem Licht nicht vergessen. Wetter in Island ist immer unberechenbar. Im Winter muss man auf alles gefasst sein. Man sollte das immer auf den Wetterseiten Islands verfolgen, um alle Warnungen mitzubekommen. Auch die Straßenbedingungen sollte man niemals aus dem Blick verlieren.

IMG_8535Für mich ist es schon sehr seltsam, das alles aus der Ferne zu beobachten, mitzufiebern, gedanklich mittendrin zu sein. Ich habe Zeit, die Nachrichten zu verfolgen. Seit knapp vier Wochen habe ich meinen eigenen „Wintersturm“, bin ich selbst ausgeschaltet, komme einfach nicht wieder auf die Beine und verbringe die meiste Zeit im Bett. Jetzt wird es ganz allmählich besser. Aber die Viren und/oder Bakterien waren sehr hartnäckig. Ich habe sie mir als „Geschenk“ aus dem Kindergarten mitgebracht, wo ich seit Anfang Dezember wieder einmal über die großartige Zeitarbeitsfirma Avanti Berlin arbeite. Es macht mir Freude, dort einzuspringen, wo es bitter gebraucht wird. Aber es macht leider keine Freude, dann jedesmal diese gesundheitlichen Kämpfe auszufechten. Es ist immer dasselbe, und so langsam muss ich wohl auch darüber mal nachdenken, ob ich das so möchte. Aber alles zu seiner Zeit. Erst einmal freue ich mich auf ein neues, spannendes Jahr, das auf mich wartet. Im März geht es dann wieder nordwärts.

Winterstürme

Goldene Tage und magische Nächte

Der Herbst in Island ist wunderschön. Fast würde ich sagen, es ist die schönste Zeit im Jahr, denn wenn Ende August, Anfang September die Blätter beginnen, sich zu verfärben, dann leuchten nicht nur die Bäume und Sträucher. Auch die Berge, die sonst grau und düster wirken, bekommen einen leuchtenden Flaum. Von herrlich grün bis später rötlich ist es einfach nur zauberhaft. Wenn die Sonne scheint, ist alles wie mit Goldstaub überzogen, denn inzwischen steht die Sonne wieder tief und die Tage werden spürbar kürzer.

Dass es endlich wieder dunkel ist, lässt vielen Nordlicht-Jägern das Herz höher schlagen. Ich selbst möchte ehrlich gesagt nicht zu diesen Jägern gehören, die die Nordlichter suchen müssen für ihre Gruppen. Allein der Gedanke, den einen Ort mit dem Loch im ansonsten oft wolkenbedeckten Himmel zu finden, dann in der Kälte stehend auf Nordlichter zu hoffen, von denen man nie weiß ob und wann sie kommen werden, um schließlich ein tolles Foto von den Nordlichtern UND den Menschen zugleich zu machen (nahezu unmöglich, beides scharf zu bekommen), setzt mich viel zu sehr unter Druck. Und ich brauche einfach meinen Schlaf…

Aber es gibt tatsächlich diese Nächte, in denen einfach alles stimmt: Die Sonnenaktivität bringt eine hohe Vorhersage für Nordlichtaktivität mit sich, es ist bestes Wetter und keinerlei Wolken am Himmel, UND ich habe auch noch frei am nächsten Tag. An solchen Tagen sind alle aufgeregt und viele suchen sich ein dunkles Plätzchen außerhalb der lichtverschmutzten Stadt. Ich packe frühzeitig meinen Rucksack, lade alles Akkus für die Kamera, montiere mein lichtstarkes Weitwinkelobjektiv und packe das Stativ ins Auto. Die dicken Wintersachen wirken beim Anziehen zu viel des Guten, aber später werden sie nützlich sein.

Vier solcher Nächte hatten wir in Folge; die erste war die beste und die habe ich genutzt. Die Lichter kamen und gingen. Ein Traum. Mehr Worte brauche ich hier nicht zu machen, der Rest ist Staunen…

27.09.2019, von Kópavogur aus, Blick über das Hauptstadtgebiet:

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27.09.2019, über dem See Vifilsstaðavatn:

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27.09.2019, etwa 22:30 Uhr – am Ufer des Sees gab es dann noch ein Feuerwerk:

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Goldene Tage und magische Nächte

Sommer, Sonne, Reiselust

IMG_6040Ich sitze in einer kleinen Stadt im Südosten Islands. Gestern bin ich mit einer Gruppe gut 500 km gefahren – bis zur Gletscherlagune und ein Stück wieder zurück. Für sie ging es dann noch weitere knapp 300 km bis nach Reykjavík mit einem anderen Guide. Ich durfte hier in Kirkjubæjarklaustur übernachten und den Tag verbringen. Am Abend fahre ich dann die heutige Gruppe zurück, während der heutige Guide hierbleibt. Der Tag heute hatte einen wunderbaren Hauch von Urlaub, durch die Wiesen zu streifen, die herrliche Sonne und schöne Landschaft zu genießen und im Schwimmbad zu lümmeln. Die Gruppe wird nachher erst zwei Stunden später hier ankommen, es gab einen Unfall unterwegs, sodass die Straße blockiert war und sie nicht weiterfahren konnten. Es wird also weit nach ein Uhr nachts werden, bis ich alle abgeliefert habe an ihren Orten… Gegen zehn besichtigen wir noch einen Wasserfall. Es ist ja immer noch nicht wieder vollkommen dunkel in der Nacht.

War der letzte Sommer der schlechteste aller Zeiten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, ist es in diesem Jahr ganz anders. An so einen schönen Sommer können sich die meisten nicht erinnern. Schon im Juni hatten wir im Süden fast vier Wochen Sonne am Stück. Das war fast nicht zum Aushalten, denn man bekam tatsächlich ein schlechtes Gewissen deswegen. Schließlich lernt man hier in Island: Wenn es schön ist, musst du sofort raus! Nutze es! Wer weiß wann die Sonne mal wieder scheint. Und so gibt es tatsächlich in Reykjavik manchmal den Fall, dass an einem Laden ein Schild hängt: „Wegen Wetters geschlossen.“ Jeder Isländer hat dafür Verständnis. Aber vier Wochen am Stück Sonne? Man kann nicht immer rausgehen, man muss auch mal arbeiten und Haushaltskram erledigen oder einfach auch faul auf dem Sofa liegen dürfen… Manche Leute wurden regelrecht schlecht gelaunt und grantig deswegen…

Jedenfalls haben wir auch jetzt wieder herrlichstes Wetter, kaum Regen – was sich in der Natur schon bemerkbar macht. Eine regelrechte Hitzewelle ist das; letzte Woche gab es 26,9 Grad Celsius am Geysir! Nicht der absolute Rekord – der wurde 1939 mit 30 Grad Celsius gemessen. Aber da wir gleichzeitig kaum Wind haben, ist es teilweise richtig heiß. Bei solchen Wetterlagen kommen dann auch gerne mal Stürme zwischendurch, und ich wurde tatsächlich auf meiner Südfahrt neulich von einer gelben Sturmwarnung mit Windspitzen in Orkanstärke begleitet. Kein schönes Gefühl, wenn man die Verantwortung für einen Kleinbus voller Menschen hat. Es lief dann glimpflicher ab als befürchtet – Gott sei Dank! Ein kleiner Vorgeschmack auf den nahenden Herbst und Winter…

Die Touristen freut es natürlich, dass sie so gutes Wetter erwischen. Hin und wieder ist das Wetter natürlich auch richtig typisch isländisch und manchmal muss ich dann für völlig durchnässte Leute mit klatschnasser Jeans (!) den nächsten Laden ansteuern, damit sie sich eine Regenhose kaufen können. In Island muss man immer mit allem rechnen. Für die nächsten Tage sind im Norden, Osten und im Hochland Temperaturen bis zum Frostpunkt samt Schnee angekündigt!

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Mit Palli auf Tour ist es immer schön. Manchmal singe ich mit 🙂

Ein Glücksfall ist für mich immer, wenn ich nicht nur Tagesfahrten habe, sondern eine Gruppe auch eine ganze Woche lang begleiten darf. Das ist es eigentlich, warum ich diese Arbeit so liebe: Zeit zu haben, auf Fragen und Interessen einzugehen, in Kontakt zu kommen, miteinander zu lachen, Leute neugierig zu machen und zu begeistern, sie auch innerlich auf eine Reise mitzunehmen und Rückmeldung zu erleben. Das gelingt begrenzt auch bei Tagestouren („I love your comments!“), aber oft genug steigen Leute nur ein und aus und ich bemerke kaum eine Reaktion bei ihnen. Das ist schade und manchmal auch mühsam.

Ich hatte das Glück, diesen Sommer mehrere Gruppenfahrten zu haben. Im Juni eine deutsche Gruppe über „Berge und Meer“, eine fünftägige Reise mit Tagesausflügen von Reykjavik aus. Im Juli durfte ich sogar zweimal Gruppen länger begleiten. Eine ganze Woche lang war ich mit „Aufwind-Reisen“ unterwegs, ebenfalls von Reykjavik aus. Und dann hatte ich eine Fahrt nur als Guide mit extra Busfahrer, denn es war eine 41-köpfige Reisegruppe über „Aldi-Reisen“ (dahinter steckt ebenfalls „Berge und Meer“), mit denen es in den Norden und ganz in den Osten ging – eine etwas seltsame Reise von der Planung her, aber eine der zauberhaftesten Gruppen, die ich je hatte.

Auf einer der Touren ging es auch ins Hochland. Dazu haben wir einen extra Hochlandbus samt Fahrer gemietet, der uns sicher durch die tieferen Flüsse brachte. Er brachte noch eine Mitarbeiterin samt ihrer zehnjährigen Tochter als Gäste mit auf die Fahrt und wir erlebten den Tag dann gemeinsam. Eines der Ziele war eine wunderschöne Schlucht, die Stakkholtsgjá. Zuerst ist sie sehr weit, dann wird sie immer enger. Wir mussten zu Fuß einen kleinen Fluss überqueren, dann einen etwas größeren. Es gab Steine zum Balancieren, und ich wäre ohne weiteres drüber geklettert, aber mit der Gruppe hatte ich meine Bedenken (und einige waren nicht mehr die Allerjüngsten…), auch wenn ich zwei Stöcke dabei hatte. Während wir noch beratschlagten, ob und wie wir es wagen sollten, waren unsere Gäste schon drüben! Da gab es kein Halten mehr und ein Großteil hat das Abenteuer Flussdurchquerung gewagt.

Am Ende der Schlucht mussten wir klettern, aber es war atemberaubend. In eine höhlenartige Schlucht stürzte ein Wasserfall, umgeben von hellem Rhyolith-Gestein, teilweise mit feinem Moos bedeckt. Selbst ich war sprachlos. Glücklich über dieses Erlebnis war der Rückweg über den Fluss kein Problem mehr.

Auf dem Rückweg stellte sich dann heraus, dass unser Gast bei der Busfirma für die Guides zuständig ist. Sie sprach auch hervorragend deutsch und hat also mitbekommen, wie ich meinen Job gestalte, war hell begeistert von mir und meiner Art und will mich unbedingt als Guide für ihre Firma haben. Nicht festangestellt, sondern freiberuflich. Und natürlich konnte sie mir auch noch nichts versprechen. Aber da ich aus verschiedenen Gründen die Arbeit bei bei meiner jetzigen Firma nach Ende des Sommerjobs nicht weiterführen wollte und werde, war ich ebenfalls hell begeistert und bin nun gespannt, was kommt ab September. Wieder mal ist alles offen, wie es weitergeht (inklusive der ganz großen Fragen. Immer dasselbe im August…). Aber ich bin zuversichtlich – zwei Wochenreisen habe ich schon und auch alles weitere wird sich fügen zur rechten Zeit. Hoffentlich.

Was für ein Sommer… Fast schon wieder vorbei, denn die Kälte hat sich nun schon angemeldet. Im Norden und im Hochland ist letzte Nacht Schnee gefallen. Der Winter kommt manchmal schneller als gedacht. Also will jeder Sommersonnentag genossen werden.

Nachtrag: Ich bin gut gelandet nach meiner nächtlichen Reise. Die Sonne ging rascher als gedacht unter – am Seljalandsfoss gab es nur noch das letzte Blinzeln des Sonnenuntergangs. Und es wird tatsächlich schon wieder richtig dunkel…

Sommer, Sonne, Reiselust

Arbeitsalltag

IMG_5778Seit Ende Mai arbeite ich nun als so genannter Driver-Guide. Ich fahre meistens in einem Mercedes Sprinter mit bis zu zwanzig Personen, manchmal ist es auch ein Ford Transit, wenn ich weniger Leute dabei habe. Und während des Fahrens erzähle ich den Leuten, was sie sehen, Geschichte und Geschichten rund um Island. Oft begleite ich sie auch zumindest teilweise bei den Stopps, um ihnen noch weitere Dinge zu zeigen oder eine Wanderung mit ihnen zu machen. Je länger die Fahrten, desto weniger allerdings tue ich das, denn so schön es ist, es kostet eben auch Kraft und Aufmerksamkeit, die mir vielleicht auf der langen Heimfahrt dann fehlen könnte. So ist dann manchmal weniger mehr und ein Nickerchen angebrachter.

IMG_5323Bis auf einige Ausnahmen arbeite ich den Sommer über in einem festen Job bei einer Firma. In der Regel sind es Tagestouren, manchmal nur ein Transfer, manchmal sehr intensive Touren. Die Leute buchen die Reisen direkt über das Internet, teils als Einzelreisende, als Familien oder Kleingruppen. Morgens drucke ich mir in der Firma die Unterlagen für den Tag aus: Tourplan und Zeitabläufe, die Liste der Gäste und ihre Abholorte. Dann mache ich mir einen möglichst sinnvollen und zeitsparenden Plan für die Strecke, in der ich die Leute aufsammele. Das können bis zu sieben verschiedene Orte sein, was dann auch bis zu 40 Minuten dauern kann. Reykjavik hat eine Bus-Verbotszone in der Innenstadt, was alles sehr kompliziert macht. Zusätzlich wird gerade an enorm vielen Straßen gebaut, sodass man immer wieder mal umkehren muss, weil man in eine plötzliche Sackgasse geraten ist. Meine Ortskenntnis ist jedenfalls innerhalb kürzester Zeit sprunghaft angestiegen…

IMG_5587Ist die Pick-Up-Tour geplant, hole ich die Autoschlüssel und suche das Fahrzeug – wir haben einen großen Fuhrpark… Nach einem Check der Lampen und des Mikrofons richte ich mich ein: Handyhalterung, Kaffee, Wasser, Fahrer-Karte in das Lesegerät usw. und dann geht es los. An vielen Stopps stehen jede Menge Leute und ich muss „meine“ finden. Es ist für die Wartenden schwer zu verstehen, dass ich nur eines von vielen Fahrzeugen unserer Firma bin und sie auf ein anderes warten sollen. Auch dass der Pick-Up so viel Zeit einnimmt und sie oft eine halbe Stunde warten müssen, ist für viele schwer nachvollziehbar. Manchmal geht auch etwas schief, dann muss die Servicenummer die Gäste ausfindig machen. Neulich hatte eine Familie die wirklich nicht leicht zu lesenden Unterlagen völlig missverstanden und war dann mehr als sauer; der Familienvater redete den ganzen Tag kein einziges Wort mit mir… Auch das gibt es. Aber die meisten sind voller Vorfreude auf den Tag.

IMG_5692Am letzten Pick-Up-Punkt stelle ich mich und den Tour-Ablauf vor, kläre Fragen für den Tag, teile die Unterschriftenlisten für die Formulare mit den möglichen Risiken aus und dann geht es los. Die Touren, die ich bis jetzt mache, sind vor allem drei mit Variationen: Golden Circle (mit Schnorcheln, Snow-Mobiling auf dem Gletscher oder eine „Plus“-Variante mit mehreren Extras), in den Süden (Transfer zu Gletschertour/Eishöhle oder eine Südküsten-Sightseeing-Tour) und in den Westen auf die Halbinsel Snæfellsnes. Bei der Südtour gibt es oft Wartezeiten von bis zu vier Stunden; manchmal gehe ich ins Schwimmbad, manchmal lese ich dann. Insgesamt bin ich zwischen zehn und dreizehn Stunden unterwegs und falle danach oft nur noch ins Bett. Die West-Tour ist die anstrengendste – sechseinhalb Stunden reine Fahrzeit und knapp fünfhundert Kilometer Strecke. Bei schönem Wetter ein Traum, bei Nebel ein Albtraum, der sich nur mit viel Kaffee, Möhrenknabbern und zuckerfreien Energy-Drinks überstehen lässt, zumal man dann auch einfach viel mehr erzählen muss, weil die Leute sonst schnell gelangweilt sind. Nach der Rückkehr werden die Leute natürlich wieder über die Stadt verteilt und das Auto getankt. Zum Glück wird das Fahrzeug dann gemäß meines Reportes von der Werkstatt gewartet und auch gereinigt.

IMG_5859Das gleichzeitige Fahren und Sprechen ging von Anfang an leichter als ich dachte. Zum Glück bin ich ja keine Anfängerin und habe also die Fakten zumeist alle schon im Kopf. Hin und wieder muss ich dann aber doch nochmal Zahlen und Inhalte büffeln, wenn es eine neue Tour ist. Und dann natürlich auch die entsprechenden Vokabeln. Die Gäste im Bus sind durchweg international und alles läuft auf Englisch ab. Manchmal habe ich Gäste, die auch kein Englisch verstehen, dann muss ich die Abfahrtszeiten auf eine Magnettafel schreiben. Mein Englisch war bei der allerersten Tour noch etwas holperig, aber schon am zweiten Tag war das meiste wieder da. Inzwischen bin ich wieder flüssig und lese momentan ein Fachbuch über die Geologie Islands auf Englisch, das ist ziemlich cool. Das Reinhören in die unterschiedlichen Akzente (innerhalb Amerikas, von Australiern, Neuseeländern und vor allem von Leuten aus nichtenglischsprachigen Ländern…) ist allerdings eine größere Herausforderung, an der ich manchmal noch zu knacken habe.

IMG_5829Gelernt habe ich schon jede Menge, nicht nur im Englischen. Vor allem, welche diversen Macken die Fahrzeuge haben können, wie man ein Mikrofon oder die Heizung & Klimaanlage doch noch zum Laufen bringt und so weiter. Insgesamt muss ich bei den Tagestouren viel mehr aufpassen, um mit dem Herzen dabei zu bleiben, denn es sind ja immer wieder dieselben Inhalte. Und natürlich hat man manchmal gar keinen Kontakt zu den Leuten. Manche Gruppen sind kommunikativer, andere total verschlossen. Manchmal reagiert keiner auf meine Witze, manchmal lachen sie alle herzlich miteinander. Da ist es manchmal gar nicht so einfach, fröhlich und begeistert zu bleiben. Insgesamt jedenfalls eine interessante Erfahrung und großes Lernfeld.

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Der Gletscher Sólheimarjökull hat immer noch schwarze Asche vom Ausbruch des Eyjafjallajökull 2010 auf dem Eis.

Arbeitsalltag

Wenn das Auto zum Isländer wird

Als ich in Seyðisfjörður von der Fähre kam, musste ich wie immer eine Bescheinigung für den Zoll bereithalten, damit rund um mein Auto alles seinen Gang geht. Man darf ja, sofern man im Ausland gesetzlich gemeldet ist, für ein Jahr das eigene Auto einführen. Zweimal fragte die Zollbeamtin nach, ob ich tatsächlich in Deutschland gemeldet sei. Nachdem sie irgendetwas im Computer nachgesehen hatte, wünschte sie mir eine gute Fahrt. Das System hatte sich ein bisschen geändert. Ich bekam nicht wie sonst einen Aufkleber mit dem Einreisedatum auf die Windschutzscheibe, vielmehr sollte ich nur einen Ausdruck der Bescheinigung im Auto belassen.

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Schock: Kennzeichen weg!

Was wo und warum schief gegangen ist, wissen weder ich noch der isländische Zollbeamte in Reykjavík, der für den KFZ-Import zuständig ist und den ich inzwischen schon mehrfach aufgesucht habe. Jedenfalls war ich gerade mal zwei Wochen in Island, als ich eines schönen Samstagabends noch ins Schwimmbad wollte. Was mich auf dem Parkplatz erwartete, war ein Schock! Meine Kennzeichen am Auto waren verschwunden! Stattdessen klebte am Fenster der Fahrerseite ein Papier vom Zoll. Es sei strengstens verboten, das Auto zu benutzen, denn mir werde illegaler Import vorgeworfen!!! Natürlich hatte es keiner für nötig befunden, mir einen Besuch abzustatten (ich war ja daheim!) oder gar einen Brief mit einer Einladung in die Zollbehörde zu schicken. Stattdessen hinterrücks eine Beschlagnahme an einem Samstag…

IMG_5081-2Den Schwimmbadbesuch konnte ich vergessen, und sowieso war ich im Ausnahmezustand… Montagmorgen war ich die Erste, als die Zollbehörde öffnete. Zum Glück hatte ich mich einigermaßen beruhigt, um freundlich zu sein. Auch bei den Beamten dort herrschte Ratlosigkeit über das Vorgehen und ich bekam eine Entschuldigung. Am Nachmittag durfte ich die Kennzeichen am andern Ende der Stadt abholen. Trotzdem machte der Zollbeamte mir klar, dass ich in Island gesetzlich gemeldet sei, weil ich hier Steuern bezahle, eine Registriernummer habe, zu oft hier sei usw. und es dabei keine Rolle spiele, ob ich in Deutschland ebenfalls gemeldet sei. Es führte kein Weg daran vorbei, ich müsste das Fahrzeug jetzt ummelden.

Und so begann dann die Prozedur der Ummeldung des Autos in Island. Ich schreibe das hier mal genau auf für Leute wie mich, denn es ist gar nicht so leicht, die Abläufe zu verstehen. In der Hoffnung, dass es für alle meine Leserinnen und Leser interessant sein möge:

  1. Voranmeldung bei der Zulassungsstelle („Samgögustofa“). Man bezahlt dafür, dass man den Prozess in Gang bringt, verliert dabei seine KFZ-Papiere und den KFZ-Brief. Vorher überlegen, wo man die Hauptuntersuchung fürs Auto machen lassen will.
  2. Etwa eine Woche später eine Email von der Zulassungsstelle. Das neue Kennzeichen wird mitgeteilt. Die weiteren Abläufe beschrieben. Ein Ummelde-Dokument mitgeschickt.
  3. Inzwischen sollte man dringend die verschiedenen Versicherungen kontaktieren, um ein Angebot zu bekommen und zu entscheiden, wo man pflichtversichert sein möchte.
  4. Mit dem Ummelde-Dokument geht es zum Zoll. Dort wird dann die Berechnung der Gebühren vorgenommen. Das dauert wiederum etwa eine Woche.
  5. Die Gebühren werden per Email mitgeteilt. Am besten vorher hinsetzen und tief einatmen, bevor man den Anhang öffnet. Ich habe etwas über 2000 Euro insgesamt bezahlt. Obwohl mein Auto schon 16 Jahre alt ist… Sobald es überweisen ist, eine Bestätigungsmail an den Zoll schicken.
  6. Abwarten, dass die Zahlungsbestätigung per (Schnecken-)Post in den Briefkasten geflattert kommt.
  7. Versicherungsvertrag abschließen.
  8. Mit der Zahlungsbestätigung plus dem Ummelde-Dokument geht es nun zur Hauptuntersuchung (Aðalskoðun). Dort kann man zusehen, wie das Auto durchgecheckt wird, nachdem man die Gebühren bezahlt hat. Wenn alles okay ist, bekommt man die nagelneuen Kennzeichen angebracht. Wenn nicht alles okay ist, bekommt man eine Mängelliste und einen vorläufigen Aufkleber auf die neuen Kennzeichen.
    Ich habe bis Ende Juli Zeit, noch einige Reparaturen durchführen zu lassen. Dann muss ich erst (!) im Februar wieder zur nächsten HU. Warum? Weil mein KFZ auf „2“ endet – also Februar. Ältere Fahrzeuge müssen jährlich hin.
  9. Mit den Schildern geht es wieder zur Zulassungsstelle. Die schicken die – hoffentlich! – nach Deutschland, um das KFZ dort anzumelden.

So einfach ist das. Und so viel kostet es für ein Auto, ein Isländer zu werden.

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Wenn das Auto zum Isländer wird

Home again. Wieder zu Hause.

IMG_4836„Warst du wirklich so lange weg? Die Zeit ist wie im Fluge vergangen. – Velkomin heim!“ Das Willkommen ist großartig. Das tut gut.

Ich bin wieder mal zu Hause in Island angekommen. Auch wenn ich gerade von zu Hause in Berlin komme…

Drei Monate hatte ich mir Zeit für eine Heimatpause genommen. Es tat gut, Familie und alte Freunde wiederzusehen, Zeit zusammen zu verbringen. Es ist mein Privileg, in zwei Welten zu Hause zu sein. Hier wie da ein gutes Netz zu haben. Es war herrlich, nicht nur eine Stippvisite zu machen, sondern wirklich „da“ zu sein. 

IMG_4478Eigentlich wollte ich auch ein bisschen arbeiten. Über die Zeitarbeitsfirma ist das kein Problem. Aber schon am Abend des ersten Arbeitstages gab es einen schmerzhaften Sturz in der Sauna, der mir den Arm brach, knapp unterhalb der Schulter… Glück im Unglück: Dank meines Jobs war ich wieder in der deutschen Krankenversicherung.

Erst vier Wochen später durfte ich wieder im Kindergarten arbeiten – diesmal mit den ganz Kleinen. Die Arbeit hat Spaß gemacht, die Kollegen waren sehr nett. Nebenbei immer wieder Arztbesuche und Physiotherapie.

Auch jetzt ist noch lange nicht alles gut. Es braucht viel Geduld, um wieder fit zu werden. Das Packen, die langen Autofahrten, das Schlafen auf der harten Pritsche in der Neuner-Couchette im Bauch der Fähre (immerhin bei spiegelglatter See diesmal!), all das hat nicht unbedingt zur Besserung beigetragen und neue Schmerzen gebracht. Aber dank meiner Vermieterin habe ich sofort eine großartige deutsche Physiotherapeutin gefunden (ihre Schwägerin!). Obwohl man oft bis zu acht Wochen auf einen Termin warten muss, hatte ich schon am Tag nach meiner Ankunft eine Behandlung, noch dazu richtig gut. Das macht Mut, auch wenn es teuer ist. Ich will fit werden mit dem Arm!

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Ich bin wirklich froh, dass ich wieder gut angekommen bin und es mit dem „Zuhausesein in beiden Welten“ nicht nur ein Spruch ist. Denn das Abschiednehmen daheim ist jedes mal ein Horror, gefühlt wird es jedes Mal schlimmer. Die letzten zwei Wochen leide ich jedesmal so sehr, dass ich das Gefühl habe, das nicht mehr lange mitmachen zu können… Herz-Schmerz, körperlich zu spüren…

Vielleicht schreibe ich mir das nächstes Mal in den Kalender? „Achtung – Ausnahmezustand! Die nächsten zwei Wochen werden dich viel Kraft kosten! Leg schon mal die Taschentücher bereit! Außerdem werden sie proppevoll, denn alle wollen dich nochmal sehen. Und all das Liegengebliebene muss auch noch endlich auf den Weg gebracht werden!“ Ja, das könnte hilfreich sein 🙂

IMG_4888Nun habe ich ein bisschen Zeit, auch innerlich ganz anzukommen. Die Arbeit beginnt erst in knapp drei Wochen. Dann wird es sehr spannend, denn ein neuer Job wartet auf mich. Die wirtschaftliche Lage insgesamt ist in Island im Moment nicht sehr rosig, so bin ich froh, dass ich einen festen Sommerjob bekommen habe als Driverguide. Bis dahin muss ich mich noch ein bisschen vorbereiten. Die Englischvokabelbox liegt schon bereit…

 

Home again. Wieder zu Hause.

Into the White – Winterabenteuerfahrt

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Januar 2019. Zum ersten Mal fahre ich im Winter zur Fähre. Ich bereite mich gut vor. Mein Bus-Fahrlehrer rät mir dazu, im Süden entlangzufahren. Beide Strecken (Nord/Süd-Route) sind ähnlich weit. Aber im Süden spare ich mir einige heftige Passstraßen. Die Isländer haben Spikes auf den Reifen. Ich nur Winterreifen. Daher will ich kein Risiko eingehen. Ich halte mir eine Woche frei, um in den Nordosten zu gelangen. Jeden Tag beobachte ich die Wettervorhersage. Falls ein Sturm im Anzug ist, können die Straßen allesamt gesperrt werden. Ich kann es mir nicht leisten, die Fähre zu verpassen und will im Notfall lieber deutlich früher losfahren.

Aber das Wetter ist mild. Nichts im Anzug. Ich plane für Montag die Abreise; Mittwochabend geht die Fähre. Sollte passen.

UNADJUSTEDNONRAW_thumb_9b2Samstag wird die Wettervorhersage plötzlich anders. Es wird Schnee geben. Am Sonntag kündigt sich sogar Schneesturm an für Montag. Puh, na, das wird lustig! Ich fahre in aller Frühe los. Fünfhundert Kilometer liegen vor mir für diesen Tag. Es gibt nur einen Pass, direkt hinter Reykjavik. Dunkelheit und Schneetreiben sind keine guten Partner. Ich fahre langsam und komme prima auf die Straße im Süden. Je weiter ich komme, desto schwieriger werden die Fahrverhältnisse. Ich nutze jede Gelegenheit, um zu tanken und die Toiletten aufzusuchen. Einfach am Straßenrand zu halten ist nicht möglich, auch Parkbuchten sind alle durch tiefen Schnee versperrt.

UNADJUSTEDNONRAW_thumb_9baDas Weiß nimmt immer mehr zu. Wir kriechen hintereinander her, dankbar, dass jemand als Leitwolf vorweg fährt. Bloß nicht überholen. Immer schön hinterher. An der nächsten Tankstelle sind die Positionen neu gemischt und dann bin ich auch mal dran mit dem Vorwegfahren. Ein mittelgroßer Touristenbus überholt uns; die 60 km/h waren ihm wohl zu langsam. Unter dem Schnee ist Eis, ich fand es recht gewagt und hätte es selbst nicht getan – was sollte man dabei gewinnen? Zehn Kilometer weiter fährt er tatsächlich wieder vor mir. Und kurz darauf landet er direkt vor meinen Augen unwiderruflich im Graben. Nichts passiert, außer verschreckten Touristen. Aber alleine werden sie hier nicht mehr rauskommen…

UNADJUSTEDNONRAW_thumb_9e2Die Straßen sind eng geworden. Der Wind weht immer mehr Schnee heran und verweht die Straßen. Durchkommen wird schwieriger. Leider sind auch jede Menge Touristen unterwegs, die gar keine Ahnung haben davon, wie man am besten bei Schnee und Eis fährt – das macht es noch gefährlicher. Wir fahren inzwischen in Zeitlupe, kommen nur mühsam heran, es beschleicht das Gefühl, niemals anzukommen. Weiß von allen Seiten. Von oben der Schnee, unten die Schneedecke, von rechts und links die treibenden Flocken. Kaum sind die Straßenbegrenzungen zu erkennen, denn auch sie sind eingeschneit. Wenn Gegenverkehr kommt – selten zum Glück! – bleibe ich lieber stehen und warte, bis die Straße wieder frei ist. Ich verliere jegliches Zeit- und Raumgefühl.

IMG_4341Eigentlich kenne ich diese Strecke sehr gut, bin sie zig mal gefahren. Aber ohne Navi wüsste ich absolut nicht, wo ich mich befinde.Nach neun Stunden anstrengender Fahrt komme ich endlich in meinem Nachtquartier an. Diese Abenteuerfahrt war die heftigste, die ich bis jetzt erlebt habe. Gut angekommen fürs Erste. Gut die Hälfte bis zur Fähre ist geschafft. Ich schlafe wie ein Stein…

Der nächste Tag ist das blanke Gegenteil. Ich fahre durch herrlichste Winterlandschaft – so habe ich die Ostfjorde noch nie gesehen. Jede Menge Rentiere lassen sich sehen. Und ich bin wie verzaubert von all der Schönheit.

Am Abend komme ich in dem Städtchen Egilsstaðir an und übernachte hier. Noch ein heftiger Pass bis zum Fjord, in dem die Fähre ablegt. Das sollte zu schaffen sein, auch wenn es nun wieder heftig zu schneien beginnt.

Das Schneetreiben hat am nächsten Tag ordentlich zugelegt. Ich nehme mir Zeit, fahre ganz gemächlich über den Pass. Kaum fünfzig Meter weit kann man sehen. Aber bei langsamer Fahrt ist es ungefährlich. Ich habe es rechtzeitig geschafft und bin sehr froh darüber.

 

Es bleibt genug Zeit bis zum Einchecken; ich suche mir ein Café in Seyðisfjörður, bis es soweit ist. Es sind nur wenige Menschen, die die Fährpassage nehmen. Im Sommer sind es etwa 900 Passagiere, diesmal nur gut 60. Nach einer schaukeligen Nacht wird es eine überraschend ruhige Überfahrt. Ich schlafe viel. Und freue mich auf zu Hause…

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Ankunft in Dänemark

 

Into the White – Winterabenteuerfahrt